Praxistest Renault Zoe

von Philipp Bruckschlögl






Die ersten 1.000km

Nach den ersten 1.000km mit rein elektrischem Antrieb, kann ich sagen, dass ich im Grunde vergessen habe elektrisch zu fahren. Und das ist wahrscheinlich das größte Kompliment, was man dem Zoe machen kann. Was am Anfang ob der Praxistauglichkeit noch aufregend und neu war, hat sich völlig nahtlos in den Alltag integriert. Zugegeben, man blickt doch des Öfteren auf die Reichweitenanzeige und freut sich, da die real nutzbaren 300 bis 360km bei uns im Normalbetrieb, wie man merkt, doch mehr als ausreichend sind. Und ab und zu winkt man seiner ehemaligen "Lieblingstankstelle" noch freundlich im Vorbeifahren zu. Dann wird man wieder erinnert, dass sich hier grundsätzlich etwas verändert hat. Aber fangen wir am Anfang an…



Der Praxistest

Das Interesse an der E-Mobilität ist enorm - aber auch die Vorbehalte. Dazu kommen noch eine Menge an kursierenden Falschinformationen, Vorurteile oder Gerüchte. Deshalb haben wir die Idee geboren, einen für unsere Region relevanten Praxistest zu starten. Ziel ist es, den Interessierten zu zeigen wie sich so ein Fahrzeug im Alltag, in unserer Region, mit unseren Jahreszeiten und auf für uns relevanten Strecken verhält (bergauf/bergab, Linz, Salzburg, Pötschenpass, etc).

Um die Auseinandersetzung mit der E-Mobilität von vorne herein auf fundierte Beine zu stellen, dürfen wir hier mit freundlicher Genehmigung des ÖAMTC den hervorragenden Artikel über die Mythen zur E-Mobilität bereitstellen. Hier werden Fragen wie „warum hat ein E-Auto nicht gleich ein Solarpaneel am Dach?“ oder „wie grün ist die E-Mobilität wirklich?“ erörtert und entmystifiziert.




Das Testauto

Unser Testauto ist ein ZOE INTENS R90 Z.E.40. Als Sonderausstattung hat er Sitzheizung vorne, Metalliclackierung, 17 Zoll TechRun Alufelgen und Einparkhilfe hinten mit Rückfahrkamera mit an Bord.

Unser Testmodell ist mit Stromanschlüssen bis 22kW ladebar. Dazu benötigt der Zoe 2Std40Minuten für eine volle Ladung. Das Modell mit Q90 Batterien verfügt zusätzlich über eine Schnelllademöglichkeit an 37kW-Anschlüssen. Mit diesem Anschluss schafft man in 65min 80% der Ladekapazität. In unserer Praxis laden wir derzeit ausschließlich mit Dreiphasen 11kW Anschlüssen. Hier ist der Zoe in 4,5 Stunden voll aufgeladen.



Um sich mit den Ausstattungen, und vor allem den Varianten der Batteriemiete oder Kauf vertraut zu machen gibt es hier den direkten Link zur aktuellen Preis- und Ausstattungsliste bei Renault Österreich:





Im Vergleich zum Benziner

Um die Kostenfaktoren rund um den Zoe zu beleuchten, haben wir einen vergleichbaren Clio gegenübergestellt. Wir haben alle Faktoren auf 6 Jahre berechnet. Dazu Wartungskosten laut Wartungsplan und einen Kompletträdersatz mit Winterreifen und je einen Satz Sommer und Winterreifen als Verschleiß. Batteriemiete, Versicherungen, Steuer, Förderungen etc. sind ebenso einkalkuliert. Danach wurde das Ganze auf Kosten pro Kilometer heruntergerechnet.

Interessant zu sehen ist, dass, obwohl der Zoe weniger aufwendige Wartungen benötigt, muss er öfter in die Werkstatt. Unterm Strich ist die Ersparnis in der Wartung nur gering. In der folgenden Tabelle kann man ablesen, dass vor allem die Energiekosten relevant sind. Zwischen 15.000 und 18.000km pro Jahr kostet der Zoe in 6 Jahren Betrieb das Gleiche wie der Benziner. Hat man die Möglichkeit die Energiekosten weiter zu senken (Gratisladestationen, Leistungsstarke Solaranlage, etc) wird der Zoe auch mit weniger Kilometern genauso günstig oder günstiger als der Benziner. Zudem sind die Stromkosten geringeren Schwankungen ausgesetzt als die Benzin- oder Dieselkosten. Wenn der Benzin in unserer Tabelle nur 20 Cent mehr kostet, steigen die Treibstoffkosten in 6 Jahren um 846,--. Um diesen Betrag kann man 4230kWh Strom tanken. Beim Zoe also mehr als 100 Volladungen.

Bemerkenswert ist auch, dass sich trotz der um mehr als 6.100,-- höheren Anschaffungskosten beim ZE20 auf längere Sicht und entsprechenden Kilometern die Gesamtkosten annähernd gleich zum Benziner ausfallen.

Aber nun zu den Daten:

Zoe R90 ZE20 BasisZoe Life R90 Basis ZE40Clio Energy TCe90 Basis
Listenpreis€ 22.190,--€ 24.690,--€ 16.050,--
Förderung 2017/2018€ -4.000,--€ -4.000,----
Wallbox/Ladekabel€ 1.000,--€ 1.000,----
Antrieb100% Elektro100% ElektroBenzin
Leistung92 PS (Spitze)92 PS (Spitze)90 PS
Speicherkapazität22 kWh41 kWh45l Benzin
Verbrauch pro 100km13,3 kWh13,3 kWh4,7l
Reichweite pro Ladung/Füllung225 km367 km957 km
Energiekosten€ 0,20 pro kWh€ 0,20 pro kWh€ 1,16 pro Liter
Energiekosten auf 100km€ 2,66€ 2,66€ 5,45
Motorbezogene Steuer /Jahr----€ 312,48
Haftpflicht/Kasko /Jahr (Zürich)€ 710,65€ 710,65€ 895,19
Batteriemiete bei 15.000km /Monat/Jahr€ 89,- / € 1068,-€ 89,- / € 1068,---
Wartungskosten jährlich Schnitt 6 Jahre*€ 334,33€ 334,33€ 399,50
Energiekosten 6 Jahre€ 2.394,--€ 2.394,--€ 4.905,--
Motorbezogene Steuer 6 Jahre----€ 1.874,88
Batteriemiete 6 Jahre€ 6.408,--€ 6.408,----
Haftpflicht/Kasko 6 Jahre (Zürich)€ 4.263,90€ 4.263,90€ 5.370,--
Wartungskosten 6 Jahre€ 2.006,--€ 2.006,--€ 2.398,--
3x $57a ÜBerprüfung in 6 Jahren€ 189,--€ 189,--€ 189,--
Kosten pro km in 6 Jahren/90.000km€ 0,38€ 0,41€ 0,34
Zeitwert nach 6 Jahren/90.000km (Näherungswert Eurotax)€ 8.400,--€ 9.200,--€ 7.200,--
*inkl. eine Garnitur Winterkompletträder und je eine Garnitur Sommer- und Winterreifen.

Alle Daten nach offiziellen Angaben und Richtwerten.

Fazit: bei weniger als 15.000km pro fährt man mit dem Benziner auf alle Fälle günstiger, wenn auch nicht emissionsfrei. Was ja ein zentrales Kaufargument für den Zoe ist. Man will ja einen Zoe fahren weil man eben keinen Treibstoff verbrennt. Der Break-Even-Point liegt hier zwischen 15.000 und 18.000km pro Jahr zum Benziner. Ab dann fährt man mit dem Zoe günstiger. Zum Diesel ist dieser Punkt noch früher angesiedelt, weil dieser im Vergleich zum Benziner wesentlich teurer in der Anschaffung und in der Wartung ist.





Vom Sommer in den Winter

Knappe 5.000km hat unser Zoe bereits abgespult. Der Querschnitt unserer Testphase reicht bislang vom Sommer mit 35+ Grad bis Ende November mit Frost bis -7 Grad. In dieser Zeit ist der Stromer zu 50% von mir (samt Familie) als Tester bewegt worden. Die anderen 50% verteilen sich auf alle InteressentInnen die sich unseren Zoe für ein paar Stunden, oder auch Tage für Probefahrten mitgenommen haben. Allein diese Tatsache ist schon bemerkenswert, weil man daran ablesen kann wie hoch das Interesse an dem blauen, oder besser gesagt, grünen, Flitzer ist.



Was man aus all dem Feedback der „externen“ Testfahrerinnen und Testfahrer, sowie auch aus meiner eigenen Erfahrung rückschließen kann, ist, dass die Alltagstauglichkeit des Zoe ganz stark vom Anforderungsprofil des jeweiligen Nutzers abhängt. Auf mein Profil passt das Fahrzeug wie die Faust auf’s Aug‘. Wir fahren den Zoe als Familie mit zwei Kindern täglich zwischen 20 und 40km (Arbeit, Kindergarten, Besorgungen). Ab und zu steuern wir damit auch Salzburg oder anderweitige Ziele im Großraum Salzkammergut an. Also eine Nutzung als klassisches Familien-Zweitauto. Gesamtstrecken über 150km am Stück kamen im Testzeitraum (halbes Jahr) von unserer Seite her nicht vor. Und genau dies ist der zentrale Punkt in der PKW Nutzung in unserem Raum, und wahrscheinlich auch generell. Aus den Gesprächen mit den ProbefahrerInnen ist zu erfahren, dass dieses Profil auf fast alle die den Zoe getestet haben, ebenso passt.

Fazit: als Familienzweitauto uneingeschränkt zu empfehlen.

Natürlich gibt es auch Anforderungsprofile die dem oben genannten nicht entsprechen, und da wird es interessant. Stichwort Langstrecken und Autobahn. Im Grunde kann man sagen, dass sich der Stromverbrauch des Zoe jenseits der 50km/h schon mal aus rein physikalischen Gründen stark erhöht. Luft- und Rollwiderstände, das Eigengewicht von 1.500kg ohne Zuladung, usw. Bewegt man den Zoe im Stadtverkehr sind Schnittverbräuche im Bereich 10 bis 13kWh (Reichweite ca. 350km) ohne weiteres realistisch. Fließt man auf der Autobahn mit 130km/h mit, was problemlos möglich ist, ist man hier eher mit 25 - 30kwh Verbrauch und darüber unterwegs. Umgelegt auf die Ladekapazität ergibt das eine Reichweite von nur mehr rund 150 reinen Autobahnkilometern.

Für den Salzkammergutler der nach Salzburg über Thalgau und A1 zum schwedischen Möbelhaus fährt, fällt das nicht ins Gewicht. Für den beruflichen oder Urlaubs-Fahrer aber sehr wohl. In der Praxis gesprochen würde das bedeuten, dass man jede Stunde Autobahnfahrt ca 1,5 Stunden Schnellladung an der Raststätte braucht. Was jenseits aller Realität und Praxistauglichkeit ist. Dazu kommt noch, dass es durch die Rahmenbedingungen starken Einfluss auf den Stromverbrauch und somit auch auf die Reichweite gibt. Fallen Sommer und Winterbetrieb beim Verbrennungsmotor kaum ins Gewicht, müssen alle Annehmlichkeiten wie Heizung und Klimaanlage rein von der Batterie kommen. Dazu kommt noch die Selbstentladung der Batterie bei Kälte.

Hier ein paar Zahlen um dies zu verdeutlichen: im Sommer konnten bei normalem Wetter (nicht übermäßig heiss) ohne Klimaanlage bei einem ungefähren Drittelmix (Autobahn – Landstraße – Stadt) von 0 – 20 – 80 Prozent ein Schnittverbrauch von 11,8kWh erzielt werden, was einer realen Reichweite von ca 350km entspricht. Jetzt, Anfang November und fast täglichem Nachtfrost und Tagestemperaturen um die 5 Grad, liegt bei gleichem Profil der Schnittverbrauch bei 19kWh und 200km Reichweite. Für den privaten Zweitautoanwender immer noch beachtlich und völlig ausreichend. Aber man sieht hier schon wie stark die einzelnen Parameter Einfluss auf die Reichweite und somit auf die Praxistauglichkeit für den jeweiligen Anwender haben. Auch wenn Innsbruck von hier nur ca. 200km entfernt ist, muss ich damit rechnen, mindestens einmal auf einer Strecke laden zu müssen, wenn ich die Autobahn benütze und dabei nicht mit 90km/h alle LKW-Fahrer zur Weißglut bringen will.

Apropos 90km/h: der Zoe wurde von mir in der Testphase fast ausschließlich im ECO-Modus betrieben, was bedeutet, dass das Fahrzeug nicht schneller als 95km/h fährt, dass die Klimaanlagenleistung auf 1kW gedrosselt (normal bis zu 5kW), und dass in der Beschleunigung die Leistung nicht voll ausgeschöpft wird. Im Falle des Falles kann man aber hier mit einem Kickdown am Gas (oder Strompedal?) die volle Leistung abrufen. In der Praxis und meinem Anforderungsprofil ist der Eco-Modus absolut ausreichend.

Fazit: das Anforderungsprofil muss unbedingt auf das Fahrzeug passen.

Ein wichtiges Detail am Rande: der ZOE rekuperiert beim Bremsen. Das heisst, dass bei jedem Bremsvorgang, oder auch „Motorbremsvorgang“ (vom Gaspedal gehen, also rollen), Energie über den Antriebsstrang rückgewonnen und wieder in die Batterie geladen wird. Das kann bei Bergabfahrten einiges an Reichweitenkilometern wieder „reinladen“. Ein Beispiel: bei einer Fahrt nach Salzburg verbraucht der Zoe über St.Gilgener-Berg auf 3km realer Strecke ca 20 bis 25km an Reichweite durch die starke Steigung. Fährt man dann weiter nach Hof bergauf bergab „verliert“ man weitere KM die man real nicht verbraucht hat. Von Koppl nach Gnigl geht es allerdings mehrere KM bergab. Auf dieser Strecke werden bis zu 25km an Reichweite rekuperiert. In Salzburg angekommen habe ich ziemlich genau den Wert an realer Strecke zurückgelegt den ich auch auf der Reichweitenanzeige eingebüßt habe. Überhaupt ist die Reichweiteanzeige ziemlich akkurat!

Ganz persönlich habe ich, und meine Familie, den Zoe richtig lieb gewonnen! Ein tolles Auto mit ganz neuem Fahrgefühl. Der niedrige Schwerpunkt, die druckvolle Beschleunigung wenn man sie braucht, und vor allem das Gefühl sich sauber fortzubewegen (was zu mindest in Österreich auch den Tatsachen entspricht - Stichwort erneuerbare Energie) eröffnen ganz neue Dimension des Autofahrens. Nach dem ersten halben Jahr bin ich einfach begeistert von unserem blauen Flitzer!